Glasmeier

Die aus Rumänien stammende und in Berlin lebende Künstlerin Paulina Mihai entwirft ihre Bilderwelt aus einer verzweigten, mehrschichtigen Präsentation von Farben und Linien, wobei die Farben eine ungeahnte Materialität besitzen, die von den Linien durchkreuzt und strukturiert wird. Die Farben haben ihre Funktion als Abbildungsqualität, Signal oder abstrakte Form aufgegeben und finden sich in den Bildern als tellurische Verkrustungen wieder. Sie sind nicht Mittel zum Zweck, sondern selbst Objekte mit individuellem Charakter. Die Linien, die da schwarz diese Bildwelt durchweben, verwirren oder bestätigen, sind keine Zeichnungslinien, sondern Duktus. Sie erheben keinen Anspruch auf Signifikanz. Sie nehmen uns nicht bei der Hand, um uns durch das Bild zu führen, sondern sie suchen mit uns einen Weg, um im Bild zu bleiben, in den Farbschichten. Paulina Mihai stellt die Frage nach dem Blick, wenn wir glauben alles gesehen zu haben. Sie verrückt unsere Standpunkte und Begrifflichkeiten, indem sie unseren Blick auf eben diese Standpunkte und Begrifflichkeiten selbst lenkt. Ihre Oberflächen sind Innenflächen, die auf dem Weiß der Wände atmen. Für Paulina Mihai wird der Raum zur Karthographie einer inneren Abenteuerreise.

Michael Glasmeier
Berlin, 14.11.1994

Auszug aus der Eröffnungsrede zur Ausstellung in der Galerie im PTZ, Produktionstechnisches Zentrum,  Berlin
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